Parteisoldaten

„Linksfaschist“ brüllten sie, „Linksfaschist“! Ich musste lachen, da ich mich in meiner Meinung bestätigt sah, nein ich hab es sogar gefeiert, habe ihnen zugeklatscht, mich darüber amüsiert, welcher Doktrin sie doch folgen müssen, bei vollkommener Abwesenheit von Selbstreflektion. Cirka vier Jahre ist es jetzt her und es war nicht die AfD, nicht die CDU. Ich trällerte: “Wer hat uns verraten“ von Marc-Uwe Kling, als ich am Kolk auf das Wahlkampfteam der SPD von Raed Saleh um Lukas Schulz traf.

„Linksfaschist, Linksfaschist“, ging es mir wieder durch den Kopf, als ich die uniformierten Jünger Salehs wiedertraf. Heute hingegen war mir nicht zum lachen, es war ein groteskes Schauspiel aus Selbstdarstellung und Heuchelei, das mit Ausnahme der Grünen alle im Spandauer Parlament vertretenen Parteien mitspielten. Kein anwesender Politiker oder Zuschauer, niemand hielt es für nötig, laut zu hinterfragen, was eine rechtsextreme Partei bei der Benennung eines Platzes der Weißen Rose zu suchen hat.

Morgen geht’s mit diesem Text weiter, ich hab mich noch nicht übergeben, das steht heute noch aus. Schlecht genug ist mir noch immer…

Folgetag, 13:58:

So standen sie, anderthalb Meter voneinander entfernt, und dennoch Schulter an Schulter mit einer Partei, dessen Vorsitzender Menschen in Anatolien entsorgen will, der ungeniert von der Jagd auf andere Menschen spricht. Und das in einem Land, in dem schon einmal Menschen gejagt und entsorgt wurden. Keine Polizei, kaum Zuschauer aus der Bürgerschaft, SPD, CDU, AfD, FDP und Die Linke im vollkommenen Einklang. Ein beängstigendes Bild. Wegen Corona habe man den Termin nicht in die breite Öffentlichkeit getragen, schallte die Stimme des Bezirksbürgermeisters aus den Lautsprecherboxen. Bei Raed Saleh schien das nicht angekommen zu sein, wie uniformierte Soldaten, denen er den Marschbefehl gab, schienen seine Lakaien. Beflaggt auf Rücken, Brust und Mund, bewaffnet mit Handys, um sich in ihren Echokammern Bestätigung zu holen.

“Linksfaschist, Linksfaschist”, hallte es in meinem Kopf, Gänsehaut bedeckte meinen Körper. Da stehen sie wie Blinde inmitten von Rechtsextremisten. “Sophie Scholl…”, vernahm ich aus den Lautsprechern, Kleebank sprach noch immer. Mein Blick fiel auf die AfD-Anwesenden, Verzweifelung, Angst und Hass ergriffen Besitz von mir. Wie konnte dieser Mensch den Namen Sophie Scholl in den Mund nehmen, einer Frau, die den Kampf gegen den Faschismus mit Ihrem Leben bezahlte, und nur zwei Meter entfernt von einem Rechtsextremisten stehen? Er lobte das Engagement aller anwesenden Parteien gegen die Hess-Aufmärsche. Die Unterschrift einer rechtsextremen Partei gegen einen Aufmarsch von Rechtsextremisten überhaupt ernst zu nehmen ist schon grenzwertig. Aber ihnen für ihr Engagement zu danken, macht die Spandauer SPD zum Steigbügelhater der AfD, einer Partei, deren Mitglieder das Holocaust-Mahnmal als Denkmal der Schande verunglimpfen. Mehrfach hob der Bezirksbürgermeister Lukas Schulz als Koordinator des Widerstands in Spandau hervor.

“Linksfaschist, Linksfaschist!” Welches Selbstverständnis muss man haben, Linke als Faschisten zu bezeichnen, aber inmitten von Rechtsextremen widerspruchslos einen Platz der Weißen Rose einzuweihen?

Nein, ich bin kein Linksfaschist, ich bin Antifaschist, Herr Schulz. Und Sie sind nicht Teil der Lösung,

Sie sind Teil des Problems!