Zum dritten Mal innerhalb von etwa 10 Jahren hat das Spandauer Bündnis gegen Rechts zu einem Rundgang eingeladen. Es sollte an Orte erinnert werden, die in der NS-Zeit bekannte Treffpunkte der Verfolgung aber auch des Widerstands waren.

Etwa 40 Menschen hatten sich am Treffpunkt Wröhmännerpark zusammengefunden. Auf der anderen Straßenseite prangte früher das bunt bemalte Volksblatt-Haus, das bis in die 2000er Jahre bunt bemalt zu sehen war, wovon sich leider kein Foto mehr finden lässt.

Isabel Neuenfeldt war mit ihrem Akkordeon dabei und begleitete uns mit großartigen Liedern, deren Texte sie teilweise selbst übersetzt hatte und die erinnerten und mahnten.

Für den Rundgang dienten uns Daten der Spandauer Jugendgeschichtswerkstatt, die schrittweise von uns erweitert wurden. Hier findet ihr eine Liste der Orte, an denen wir in dieser frischen Märzluft standen und den Worten zur Geschichte lauschten.

 

Dazu folgender Ausschnitt:

Aus: „Widerstand in Spandau“, Hans-Rainer Sandvoß, 1988, Seite 9 und 10

Wählerwanderungen

Der KPD gelang es nur bis etwa 1930, Stimmenpotential aus jenen Kreisen der Arbeiterschaft zu gewinnen, die mit der SPD unzufrieden waren. Gemessen an vergleichbaren Berliner Industriebezirken des Nordens und Ostens blieb die KPD in Spandau, dem Bezirk mit dem drittgrößten Arbeiteranteil (nach Wedding und Weißensee), unter den dort erzielten Ergebnissen.

Bezirksversammlung

Spandau (Sitze)

1925 1929 1933
KPD 6 7 6
SPD 19 16 11
DNVP * 13 10 5
NSDAP 2 22

* Deutschnationale Volkspartei

Der NSDAP war es in Spandau gelungen, nicht nur den bürgerlichen Parteien, sondern auch der Arbeiterbewegung kräftig Stimmen abzuziehen. Bei Reichs- und Landtagswahlen sackte die SPD von 40% (1928) auf 23% (1933), die KPD schwankte zwischen 17-20%. Lediglich bei der Reichstagswahl vom November 1932 kam die KPD mit 23,2% der SPD (mit 25,7%) einmal ganz nahe, ansonsten lagen in Spandau die Sozialdemokraten deutlich vor der KPD. Die SPD-eigene Spandauer Tageszeitung (Seite 30) trug nicht wenig zur Stärkung der dortigen SPD bei, doch auch die gewerkschaftsspalterische KPD-Politik führte zum Rückgang des kommunistischen Stimmenanteils.
Ribbes Werk über Spandau verdanken wir folgende Wahlanalyse: ln den roten Hochburgen wie der Lynar- und der Neuendorfer Straße, im Kiez zwischen Bismarck- und Falkenhagener Straße (Neustadt), erhielten KPD und SPD auch noch im März 1933 die meisten Stimmen. Arbeitersiedlungen mit politisch geschulter Anwohnerschaft, wie in Haselhorst und in der Gartenstadt Staaken, blieben bis zuletzt für die NSDAP kein gewinnträchtiges Gebiet, doch in den Armenvierteln der völlig Besitzlosen und Verzweifelten, in der Altstadt und in Stresow, hatte sie Erfolge, ganz zu schweigen von Gegenden der Besserverdienenden, wie Gatow und Kladow, Angestelltenhochburgen (Siemensstadt) und ländlichen Gegenden wie Staaken-Dorf.
Bemerkenswert für einen Industriebezirk und abweichend vom ‚Trend‘ in Berlin ist die starke Rolle, die hier die Bekennende Kirche spielte. Auch daran zeigt sich, daß Spandau kein reiner Arbeiterbezirk war. Der Kirchenkampf war aufgrund des geringen Katholikenanteils in der Havelstadt und neben der Verfolgung der Zeugen Jehovas fast ausschließlich eine Auseinandersetzung zwischen Bekennender Kirche und nazistischen Deutschen Christen. Deren sehr heftiger Streit geht aber nicht allein auf das Engagement des Spandauer Superintendenten (Kirchenkreisvorstehers) Martin Albertz und seiner Glaubensbrüder zurück. Da Spandau der Parteikreis I der NSDAP von Berlin-Brandenburg war, wollten auch die nazistischen Deutschen Christen auf kirchenpolitischem Gebiet an erster Stelle ‚marschieren‘. Gerade in Hakenfelde, das – einem Bericht Pfarrer Bunkes zufolge – wegen der vielen Nazis dort damals „Hakenkreuzfelde“ genannt wurde, ging es hoch her. ln einem nicht unerheblichen Maße gelang es der NSDAP und der SA schon vor 1933, ihre Stützpunkte und Sturmlokale systematisch auszubauen. Aufgrund der relativ geschlossenen politischen Kultur Spandaus kannten sie ihre Gegner bald sehr genau.

Der Blick in unsere Zeit zeigt, dass Neonazis, Nationalisten, Rassisten und Menschenfeinde nicht mehr so leicht auszumachen sind. Weder an ihrer Kleidung noch an ihrer Parteizugehörigkeit – sie sind überall, so scheint es. Um so wichtiger ist es, im Gespräch zu bleiben, Informationen zu prüfen und aufzuklären. Gerade im Informationszeitalter mit dem größten zugänglichen Wissen über Google und Co. muss man gelernt haben, sicher zu recherchieren, damit man nicht plötzlich in einer Blase „aufwacht“. Wir werden auch weiterhin dafür eintreten, dass eine andere Welt möglich ist.